Tanzen als Ventil

Das ist Andrea Nagl!

Ein Porträt von Marie Richlik

Wir treffen uns mit Andrea Nagl im Volksgarten hinter‘m Heldenplatz beim Denkmal der
Exekutive. Zum persönlichen Interview kommt sie in legerem Jumpsuit, in schwarz gekleidet,
aber dennoch luftig. Es hat gefühlte 40 Grad. Zum Kennenlernen stoßen wir erst mal mit einem
Radler an. Beim Vorbeirradeln am musischen Zentrum ist ihr übrigens wieder eingefallen, wo
ihre Karriere begonnen hat und zwar mit ihrer ersten Tanzstunde, in eben diesem Zentrum.

Freiheit, Revolution, Liebe

Als Kind habe Andrea das Musical „Cats“ geliebt und wollte unbedingt JazzDance machen. Doch ihre Mutter fand nur eine Kinderballettklasse in der Pfarre, die sie total schrecklich fand, weshalb die gebürtige Wienerin, bis sie 14 war, nichts mehr mit Tanzen am Hut hatte. Mit 14 hatte Andrea dann so etwas wie eine Musical-Fan-Phase, welche sich an „Les Misérables“ aufhängte. Sie war fasziniert von der Freiheit, der Revolution und der Liebesgeschichte. Wöchentlich hatte sie Stehplätze und schaute sich die Show mit Freunden an und entwickelte zum ersten Mal die Idee, etwas mit Theater zu machen. Auch der Wunsch aus dem bürgerlichen Leben auszubrechen, spielten beim Theater, für die heute 44-Jährige, eine wichtige Rolle. Weil sie aber zu schüchtern war für Schauspiel, kam ihr wieder das Tanzen in den Sinn, weshalb Andrea ihre Eltern so lange traktierte, bis sie endlich über das HolliKnolli Ferienspiel ins Tanzforum gelangte (das heutige Performing Arts Center in der Zieglergasse). Dort besuchte das quirlige aber zurückhaltende Mädchen diverse JazzDance Klassen im Sommer. Einen Spagat konnte sie bis dahin eh schon lange „ …und bin zu Hause herum gesprungen und hab versucht, den Spagat zu machen und das war mein Bild von Tanzen und ich muss einen Spagat können.“ .

„Total untalentiert für Jazz“

Nachdem Andrea mehrere Kurse absolviert hatte, unter anderem „Jazz-Gymnastik“ oder
„Stretching“, kam eine ihrer Lehrer*innen auf sie zu und bat ihr die
Zusammenarbeit bei einem zeitgenössischen Tanzprojekt an, weshalb sie sich bemüßigt fühlte,
in deren Tanzstunden zu gehen, was sich später als Glückstreffer herausstellte. Außerdem habe ihr Jazz-Lehrer irgendwann einmal zu ihr gesagt „… du bist eigentlich total untalentiert für Jazz…“, darum blieb sie dann auch beim zeitgenössischen Tanzen. Nach der Matura, Andrea war eine gute Schülerin, sei sie dann zu T-Junction gekommen, ein Profi-Training, bei dem echte
und werdende Profis gemeinsam trainieren. Doch weil die Ausreißerin innerlich von dem bürgerlichen Leben ihrer Eltern getrieben war, studierte sie nebenbei noch Theaterwissenschaft und Publizistik. Beides erschien ihr am Anfang seltsam und komisch, aber vor allem die Kommunikationswissenschaft empfindet sie heute als wichtige Erfahrung in ihrem Leben, die sie vor allem Jüngeren ans Herz legen würde aufgrund der vielen grundlegenden Informationen über Medienrecht und -freiheit, die man im Studium lernt. Aber auch an Theaterwissenschaft fand sie rasch gefallen, „…es war halt das Näheste zum Theater…“. Was nicht nur für all ihre Lehrer ein Skandal war. Sondern auch für ihre Eltern. Doch die zielstrebige junge Frau machte weiter mit Tanz und ihren Studien und verdiente sich mit Projekten ihr erstes Taschengeld. Da Andrea noch bei ihrer Mutter wohnte, hatte sie geringe Ausgaben und kam gut über die Runden. Es erging ihr wie vielen ihrer Klassenkamerad*innen, die auch Publizistik studierten. Ihr gefiel das Abstrakte im Studium und sie dachte: „Das muss doch jeder Lernen!“.

(c) Marie Richlik
(c) Marie Richlik

Tanz und Selbstfindung

Der Tanz hatte bei Andrea auch immer etwas mit Selbstfindung zu tun – weg von zu Hause – was sie dann auch 1996 gemacht hat. New York fand sie total spannend, weil Andrea da zum ersten Mal mit Künstlerinnen in Kontakt kam, die aber beide Nebenjobs als Kellnerinnen hatten. Gewohnt hat sie damals in einem Loft eines befreundeten Lehrers. Der habe sie auch immer als Tänzerin vorgestellt, nicht als Studentin. Es gefiel ihr, weil es anders als in Österreich war, wo man angeblich nur das sei, womit man sein Geld verdiene. Außerdem hatte sich die angehende Künstlerin nie wirklich eingestanden, beruflich Tänzerin zu werden. Sie findet das Konzept bis heute gut, einen Nebenjob zu haben und nebenbei seiner Kunst nachzugehen.

„Unterrichten ist subjektiv“

Ins Unterrichten sei Andrea also irgendwie hineingewachsen, hineingeschlittert, wie in so vieles in ihrem Leben. Ihre Lehrerin Frau Orlowsky, die Andrea schon länger fördern wollte, kam auf sie zu und bat sie zum Beispiel, ihre Klassen zu übernehmen, während sie im Urlaub war. Die Einsteigerin empfand es als große Herausforderung, da sie einerseits versuchte, wie die Lehrerin zu unterrichten, und andererseits, weil sie den Schüler*innen bestmöglicher Ersatz für diese sein aber dennoch ihre eigene Linie fahren wollte, was das Unterrichten betrifft. Bei einer Ausbildung lernte sie dann eines Tages Schüler*innen mit weniger Tanzerfahrung kennen, welche schnell Andreas Begabung erkannten und sie nach ihren Trainingsmethoden befragten. Diese richten sich vor allem nach Feldenkrais und auf „Release“ Techniken, „…mein Fokus war immer schon sehr stark „Release“ betont, kam auch sehr stark aus Feldenkrais, diese
Körperbewusstseinsmethode und dadurch kam es auch sehr früh, dass die gesagt haben: Was machst du?“.

Von anderen Lehrmethoden grenzt sie sich heute klar ab, denn sie findet das Unterrichten müsse subjektiv sein, aber auf eine allgemeine Ebene gebracht. Auch die vielen neuen Ausdrücke wie Mentoring findet sie gar nicht so cool. Mentoring zum Beispiel verstehe Andrea als Begriff solchen überhaupt nicht. Und auch niemand sonst hätte der studierten Kommunikationswissenschafterin bis heute den Begriff richtig erklären können, „…was ist der Unterschied zwischen einem erfahrenen, umfassenden Pädagogen, der seine Schüler wohin trägt und sie umfassend bilden möchte von einem Mentor?“.

Corona und Tanzen

Mit Corona habe sich das Unterrichten jetzt allerdings stark verändert, da alles vielmehr online
vonstatten gehe. Die Schüler*innen hätten weniger Platz in ihren Wohnzimmern und Andrea weniger Engagements. Auch privat hat sich die Frau mit Lungenvorerkrankung große Sorgen gemacht, dass sie sich mit Corona anstecken könnte. Dass auch ihre Schüler*innen unter Corona leiden mussten, machte sich spätestens bei den schon bezahlten Tanzkursen bemerkbar. Dennoch versuchte Andrea alles, die Kurse am Laufen zu halten. Die Staatsmännigkeit in diesen Tagen sei bei ihr ein Auslöser für die vielleicht leichte Panik gewesen. Sie empfinde die Krise aber auch als eine von Druck befreite Zeit, und pflegt nun mehr Kontakt zu ihren Kolleg*innen in den USA. Im online Unterrichten sieht die Pädagogin unheimliches Potenzial, unter anderem, weil dadurch die Schüler*innen weniger verletzlich sind, weil sie ja nicht so sehr gesehen werde, wie im Tanzstudio, andererseits lasse sich auf Grund des Platzmangels nicht alles punktgenau umsetzen und auch das Korrigieren über den Bildschirm sei nicht so einfach, wobei sie vor allem auf positiv bestärkende Kritik viel Wert legen würde.

(c) Marie Richlik

Kunst als Ventil

Ihr Stil wirke ästhetisch oft poetisch aber auch skurril bis schräg. Die umtriebige Künstlerin verwendet gerne Masken und Kostüme, macht Interventionen oder ist einfach nur pur-ernsthaft, wenn sie sich in Sprechgesang über Politik ausheult. Durch die Energiearbeit wurde Andrea vieles bewusster beziehungsweise benennbarer. Vor allem ihr Ur-Vertrauen habe sich dadurch gestärkt. Sie legt viel Wert auf das „Spüren“ ihrer Schüler*innen im Unterricht und strebt einen bewussten, feinmotorischen Zugang zum Körper an. „It ́s already there!“ sei einer ihrer Leitsprüche, da das Hirn uns oft an etwas hindern würde. Die ersten Wochen nach Corona sei sie niedergeschlagen bis paralysiert gewesen, denn Kunst empfinde sie, wenn es um‘s nackte Überleben gehe, eher als sinnlos. Dennoch fand sie darin ein Ventil, sich über die politische Situation zu beklagen und ihrem Frust Raum zu geben, weshalb sie auch mit Musik anfing, da man durch Sprache und Stimme direkter und treffsicherer sei im Ausdruck.
Andrea arbeitet unter anderem mit ihrem Partner Markus Wintersberger oder mit Karlheinz Essl zusammen. Generell ist ihr die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen sehr wichtig, auch um ihren Schüler*innen ein möglichst breites Spektrum an Erfahrungen anbieten zu können.

„Kunst kann sich nicht selbst tragen“

Politisch ordnet sich Andrea ganz klar links ein. Politik findet die Publizistin generell wichtig, „…weil man aufpassen muss, dass demokratische Errungenschaften nicht flöten gehen…“. Dass einige Berufsgruppen während Corona besonders hervorgehoben wurden und andere
vielleicht vergessen wurden, findet sie vollkommen in Ordnung, „…denn die Hervorgehobenen haben das in der ärgsten Krise voll verdient…“.
Ihr aktuell gefördertes Projekt „Forms of Life“ wurde auf Dezember verlegt, insofern haben sich ihre Pläne weitestgehend verschoben. Staatliche Unterstützung für Künstler*innen kann ihrer Meinung nach nie ausreichen, „…da Kunst sich nicht selbst tragen kann…“, was man auch bei großen Theater- und Opernhäusern sehen würde.

Die Zukunft

Für die Zukunft wünscht sich Andrea mehr soziale Gerechtigkeit und Solidarität. Außerdem steht sie für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch der Umweltschutz, zum Beispiel das Gletschersterben, spielt bei ihr eine wichtige Rolle, was man auch immer wieder in ihren Videos sehen kann.

Zum Abschied dürfen wir noch ein paar Fotos von ihr schießen und sie verlässt uns so
unaufällig, wie sie erschienen ist. Dennoch sind wir nun aufgeregter als zuvor. Andrea Nagl
hinterlässt bei uns auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. Mit ihrer Offenheit und
persönlichen Erfahrung hat sie uns ein Stück in ihr Leben eintauchen lassen, was wir sehr zu
schätzen wissen und wir freuen uns auf baldige Neuerscheinungen ihrerseits.

(c) Andrea Nagl
(c) Andrea Nagl

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