Tagebuch aus dem Lockdown: Isolation oder Gemeinschaft?

Ein Essay.

30.11.2020, Tag 13

Corona zwingt uns dazu, uns selbst zu isolieren, abgeschieden von Menschen zu leben, Menschen die wir lieben, Menschen die wir nicht mögen, aber vor allem zwingt es uns dazu, nicht mehr Teil einer Gemeinschaft und einer sozialen Struktur zu sein.

Dabei sind wir als Menschen nicht auch Lebewesen, die einer Gemeinschaft angehören und diese brauchen?

In einer Welt, in der alles so aussieht, als würde bald alles zusammenbrechen, zieht man sich gerne zurück, ist alleine in seinem Kokon und vergräbt sich. Das Gute daran ist, dass man Zeit hat, in sich zu gehen. Alleinsein kann schön sein.

Aber Einsamkeit macht traurig.

Wir stecken alte Menschen in Heime, wir stecken psychisch Kranke in Anstalten, Kinder in Kindergärten – so läuft alles nach Plan, Maß und Ordnung. So kann der Mensch als Individuum sich frei entfalten und seinem geregelten Arbeitsalltag nachgehen, ohne von der schwerhörigen Oma oder dem labilen Onkel genervt zu werden. Alles ist gut. Aber macht es uns auch glücklich, so geordnet zu leben?

Nein, nicht alles, was dem Wirtschaftsleben dient, dient unserem Glück.

In der Rede von Gary Lewandowski gibt es eine spannende Sequenz über das Glück:

„Relationships are the source of your bad memories, the source of your best memories, when you think back on your life, you will think I wish I’d spent more time with the people I love.“

Glück machen vor allem gute und stabile Beziehungen zu unseren Mitmenschen aus, zu Menschen, die wir lieben.

„Du bist keine Insel.“ – „Doch, ich bin Ibiza“

Will Freemans Antwort auf Markus Mutter im Film „About a Boy“. Will ist ein 36-jähriger Single, der nur für sich selbst lebt. Eines Tages taucht Markus in seinem Leben auf. Markus, ein 12-jähriger Junge, wird in der Schule gemobbt und hat eine schwierige Beziehung zu seiner Mutter, die selbstmordgefährdet ist. Er verbringt gerne Zeit mit Will, der ihm tolle Sportschuhe kauft, ihn bei sich fernsehen lässt und Markus von seinem Alltag ablenkt.

Hugh Grant alias Markus Freeman in „About a Boy“

Klar, Beziehungen zu und mit anderen Menschen sind aufreibend, nervig, und können zerstörerisch sein, aber sie können auch schön und aufregend sein, und ich denke, das macht Menschen in ihrer Gesamtheit aus. Wir können als Menschen daran wachsen. Ich finde, man kann sich nicht davor verschließen, eine Wand um sich herum bauen, und als Einsiedler*in leben. Klar, der Gedanke daran ist schön, aber utopisch. Der Mensch braucht die Zivilisation, zumindest andere Menschen, um überleben zu können.

Ich denke, Menschen können in einer gesunden Gemeinschaft aufblühen, wachsen und sich entfalten. Und diese Art der Gemeinschaft macht uns meiner Meinung nach als soziale Wesen aus. Die Gemeinschaft und der Staat können und müssen gestaltbar und formbar sein.

Es ist von Glück und jahrtausendelangem Kampf für die Demokratie zu sprechen, denn der gerechte Sozialstaat, den wir jetzt in Österreich haben, ist eine Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit. Wenn man ihn von der positiven Seite beleuchtet, hat er viele Vorteile. Klar, es gibt auch (noch immer) vieles, was man ändern könnte und muss. Corona verschärft die tiefen Gräben zwischen beiden Seiten, was nichts Schlechtes sein muss. Es wirft viele Fragen auf: In was für einer Gesellschaft wollen wir in Zukunft leben? Welche Rolle hat das Individuum, die Gemeinschaft?

Als ich dieses Jahr in Slowenien war, besuchte ich eine Ausstellung in Ljubljana, bei der es um Pflanzen geht. Die konkrete Aussage war, dass Pflanzen und Bäume keine abgekapselten Individuen, sondern Organismen sind, die miteinander in Verbindung stehen. Ich finde dieses Bild von Bäumen und Menschen als verbundene Organismen sehr zutreffend.

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